Leseprobe

Leseprobe "Räuberhöhle"

Geschehnisse
Es roch angenehm nach Kaffee und Rainer hatte das Kastellauner Amtsblatt mit den Wohnungsangeboten aufgeschlagen. Doro kam mit der Thermoskanne zum Tisch und schaute ihn fragend an.
„Ich habe noch nicht nachgesehen“, sagte er und schenkte sich erst mal einen Kaffee ein.
„Dann tu es - oder kommen dir Bedenken?“, antwortete Doro.
Sie hatten beschlossen, zusammen zu ziehen. Seit über einem Jahr wohnten die beiden nun schon in Doros kleiner Wohnung im Herzen von Kastellaun, was ihnen beiden eigentlich sehr gut gefiel. Es war nur etwas knapp für zwei Personen. Entweder wollten sie in eine größere Wohnung oder lieber noch in ein kleines Häuschen in der unmittelbaren Umgebung von Kastellaun ziehen. Rainer hatte sich in seiner neuen Heimat gut eingelebt.
„Hast du was gefunden? In der Zeitung, meine ich“, fuhr sie fort.
„Da, da  ist was in Alterkülz, äh, wo ist das?“, fragte Rainer verdattert und dachte bei sich, ob diese Frau vielleicht doch Gedanken lesen konnte. Oder waren Männer so leicht zu durchschauen?
„Das ist gleich um die Ecke, wenn man an der Kaserne hochfährt kommt erst Hasselbach und dann Alterkülz“, gab Doro zurück. „Was hast du denn gefunden?“
„Da ist ein Haus zu mieten, es steht zwar direkt an der Straße, aber könnte für unseren Geldbeutel reichen.“
„In Alterkülz stehen alle Häuser direkt an der Straße, das ist das längste Dorf im Hunsrück“, gab Doro lachend zurück.
„Und wie groß ist das?“
„Keine Ahnung, vielleicht so vier -bis fünfhundert Einwohner. Schau doch mal im Internet nach, es gehört zur Verbandsgemeinde Kastellaun“, forderte Doro Rainer auf.
„Gleich, jetzt lass mich erst mal in Ruhe frühstücken. Ich schau nach, ob noch mehr Häuser drin stehen. Hier ist noch eines in Roth, das ist aber nur zu kaufen und noch eins in Bell, das ist auch zu mieten“, sagte Rainer. „Die Bedenken, die ich habe, gehen in eine andere Richtung: Ist denn auf den Dörfern auch was los? Ich meine abgesehen von Feuerwehr -oder Sportfesten?“
„Also, in Alterkülz ist das Gasthaus ‚Zur Post’, die machen regelmäßig Ü-30 Tanzabende. Da kann man auch gute Schnitzel essen, sogar XXL-Schnitzel  und die haben einen Biergarten. In Bell ist das Bell Vue, die machen jedes Wochenende Musik, von Liedermachern über Latin bis Rock und Punk. Also überleg dir vorher, wo du hinziehen willst. Tanzschule oder Headbanger.“
„Vielleicht schauen wir uns die Häuser erst mal an und sehen zu, dass wir überhaupt ein Häuschen kriegen. Wir werden ja nicht die Einzigen sein, die was suchen. Und die Vermieter müssen wir dann auch noch überzeugen“, gab Rainer zu bedenken.
„Mich überzeugst du auf Anhieb“, meinte Doro und setzte sich auf Rainers Schoß.
„Du mich auch“, gab dieser zurück und sie überließen sich einem langen Kuss.

(…)

Ein paar Monate zuvor, in Wien
Sein Schachpartner war tot. Dämlicher, alter Professor. Was musste er auch früher heimkommen von seiner Pufftour. Ferdinand Mayerling, der umsichtige Hauswart mit dem großen Schlüsselbund, mit dem er für den Notfall in jede Wohnung hineinkam, ärgerte sich. Er hatte doch alles minutiös geplant. Der Professor hatte ihm während der stundenlangen Schachpartien immer mal wieder von den menschlichen  Abgründen berichtet, in die er während seiner therapeutischen Tätigkeit hinein geschaut hatte und die er auf seinen Tonbändern archiviert hatte. Natürlich ohne jemals Namen zu nennen. „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinab sieht“, zitierte er hin und wieder aus Büchners „Woyzeck“. Und nun wurde ihm ein solcher Abgrund zum eigenen Verhängnis.
Ferdinand Mayerling stand regungslos da und schaute in die leeren Augen des Professors. So sah der Tod also aus. Leer und banal. Eine einfache Hülle, unbelebt und unschön. Wie schnell kein Funke von Beseelung mehr zu erkennen ist. Und hier stand er, Ferdi der nette Hauswart, Handlanger des Sensenmannes. Ein Unfall, es war nicht mehr als ein Unfall. Der angedüddelte alte Mann war auf die Leiter gestiegen, um ein Tonband herunterzuholen und hatte den Halt verloren. Tragisch aber realistisch. Ferdi hob das Tonband auf, das er hatte fallen lassen, als er zur Leiter sprang und wischte es mit seinem Taschentuch ab. Dann warf er es in einiger Entfernung vom Toten auf den Boden, damit die realistische Inszenierung perfekt war. Er wollte die Leiter an den Stellen, an denen er sie angefasst hatte abwischen, ließ es aber. Er war schließlich der Hauswart, weshalb also sollte er die Leiter nie angefasst haben? Der alte Herr brauchte doch öfter mal Unterstützung. Es wäre also nicht logisch gewesen, wenn seine Fingerabdrücke nicht auf der Leiter zu finden gewesen wären.
Mit einem langen Blick vergewisserte er sich, dass er auch nichts vergessen hatte. Er überprüfte das Szenario und kam zu dem Schluss, dass alles stimmte. Dann nickte er kurz dem Toten zu und verließ die Wohnung so leise er konnte. Der Rest war ein Kinderspiel. Er würde wie immer am nächsten Tag beim Professor läuten, um die angefangene Schachpartie zu beenden. Dieser würde nicht öffnen. Tags darauf würde er es erneut versuchen und sich Gedanken um den alten Mann machen. Er würde die Polizei verständigen und mit einem Beamten den zu Tode gestürzten Professor finden. Da es keine Nachkommen und auch sonst keine Verwandten mehr gab, würde er als Hausbesorger den Auftrag bekommen, die Wohnung zu entrümpeln und voilà – dann wären die Bänder sein und er hätte alle Zeit der Welt, sie abzuhören.

(…)

Geheimnisse
„Ah, da ist ja wieder unser Wiener“, begrüßte Rainer Ferdi, als er ihn im Pub an der Theke sitzen sah.
„Ja Servus, Rainer, irgendwo muss der Mensch ja sein und hier ist es ja recht nett bei der Ellen“, gab dieser zur Antwort.
„Ja ja, nett ist es hier“, fiel sie ein. „Noch ein nettes Pilsken für den Ferdi und ein nettes Guinness für dich, Rainer?“
„Aber immer doch, deswegen bin ich ja hier“, antwortete dieser.
„Wo ist die gnädige Frau?“, wollte Ferdi wissen.
„Doro muss morgen früh arbeiten, sie liegt schon im Halbschlaf auf dem Sofa und schaut Fernsehen“, klärte Rainer auf.
„Und was macht euer Buch? Immer noch Geheimnisse im Petto?“
„Es geht voran, heute hat mir der Autor ein paar Fotos von dem Titelbild gemailt. Eine herbstliche Landschaft, ein wenig melancholisch vielleicht, aber durchaus brauchbar für den Umschlag“, antwortete Rainer.
„Melancholisch ist mir auch zu mute. Irgendwie vermisse ich Wien. Das bunte Treiben auf dem Naschmarkt, mein Heuriger und das Kerzenstüberl, den Palatschinken … “, Mayerling machte eine kleine Pause und schaute nachdenklich auf sein Bier. „Hör mal zu, mein Spezi, ich muss mal mit dir unter vier Augen reden.“ Er nahm sein Bier und bedeutete Rainer mit ihm an einen Tisch im vorderen Teil des Pubs zu kommen. Rainer nahm sein Guinness und folgte Ferdi.
„Was ist denn los, warum so geheimnisvoll?“, wollte er wissen, als sie sich hingesetzt hatten.
„Also, hör gut zu, was ich dir jetzt erzähle, darfst du nicht weiter erzählen“, fing Ferdi seine Ausführungen an.
„Ich bin nicht hier, um Windkraftanlagen zu sichten, das ist nur ein Schmarren, den ich mir ausgedacht habe. Ich bin was am recherchieren. Pass auf, das alles hat angefangen, als mein Onkel, Gott hab ihn selig, vor einem halben Jahr verstorben ist. Da er sonst keine Verwandtschaft mehr hatte, hab’ ich halt das Erbe angetreten. Mein Onkel war ein komischer Kauz, war so ein Therapeut von den besseren Leuten, wennst weißt, was ich meine. Jedenfalls war bei dem Erbe eine ganze Kiste mit Tonbändern. Er hat seine Sitzungen aufgenommen. Als ich Zeit hatte, hab ich mir gedacht, machst dir einen Spaß und hörst halt mal rein, über was die da so jammern und so weiter. Ich hol also die Tonbänder raus und seh’ auf zweien die Aufschrift Schinderhannes. Den kannt’ ich von dem Film. Also hab ich mir das angehört und das war echt krass, mein Lieber. Mein Onkel hat da einen Typen, also Patienten, in Hypnose versetzt und der Kerl fängt an und erzählt, als wär er der Schinderhannes gewesen. Verstehst du – Wiedergeburt und so. Echt unheimlich. Wenn das stimmt, wie der das erzählt hat, dann ist das ja echt eine historische Sensation.“
Rainer nippte an seinem Guinness und schaute sein Gegenüber ungläubig an.
„Das wär die wahre Geschichte des Schinderhannes, erzählt von ihm selbst, also quasi, halt von seiner Wiedergeburt“, erklärte Ferdi weiter. „Stell dir vor, was das bedeutet, wenn das alles so stimmt.“
„Wenn das alles so stimmt“, wiederholte Rainer, nur mit der Betonung auf dem wenn.
„Du willst mir also erzählen, dass du Tonbänder hast, wo einer unter Hypnose erzählt, er wäre der Schinderhannes gewesen?“, hakte Rainer noch mal nach, um auch ganz sicher zu sein, dass er richtig verstanden hatte, was der offensichtlich geistig verwirrte Wiener ihm soeben erzählt hatte.
„Rainer, ja. Ich konnt’ es doch auch nicht glauben. Zehnmal hab ich mir den Schmarren angehört. Und nicht nur das, er erzählt von Mord und Totschlag, als wär’ er grad dabei, quasi Live-Berichterstattung.“
Ferdi trank sein Bier in einem Zug aus und bestellte sich noch eins, Rainer tat es ihm gleich.
„Also noch mal ganz langsam und zum Mitschreiben: Der Typ unter Hypnose erzählt von Verbrechen, so als würde er sie gerade erleben?“
„Jetzt hast’s kapiert, mein Lieber, so isses.“
„Und deshalb bist du in den Hunsrück gekommen, um Nachforschungen an Ort und Stelle durch zu führen?“
„Richtig. Denn wenn das stimmt, dann sind die Bänder ja ein Vermögen wert. Was glaubst du, wie das als Buch einschlagen würde. Die wahre Geschichte des Schinderhannes.“
„Mensch, da hast du ja ein Glück gehabt, das du zufällig mich getroffen hast“, Rainer war ganz aufgeregt. „Da kann ich dir bestimmt helfen!“

(…)

Nachdem sich Doro zum Dienst verabschiedet hatte, schaute Rainer im Internet auf den Seiten nach, die er schon mal wegen den Informationen zum Schinderhannes durchstöbert hatte. Er legte sich eine Karte vom Hunsrück neben den Schreibtisch und markierte die Orte, die er für sehenswert hielt. Ein Teil davon lag im Soonwald, ein anderer in Richtung Lützelsoon und Hochwald. Das alles war an einem Tag mit einer Tour nicht zu schaffen. Also beschloss er zwei Touren zusammenzustellen. Die erste Tour führte über Simmern zum Schanzer Kopf und Thiergarten, dann nach Spall und weiter zur Schinderhanneshöhle bei Pferdsfeld. Weiter sollte es über die Trifthütte zur Koppenstein bei Gemünden und dann noch nach Hochstätten-Dhaun zum dortigen Schloss gehen.
Die zweite Tour sollte sie über die Ruine der Wasserburg Baldenau nach Kempfeld zur Wildenburg und weiter nach Bundenbach zur Schmidtburg führen.
Nicht überall beging Johannes Bückler kapitale Verbrechen, es waren auch Orte dabei, an denen sich „nur“ Viehdiebstähle und andere Überfälle ereigneten. Aber er wollte mitnehmen, was auf dem Weg lag. Er bündelte seine Erkenntnisse und druckte die Touren aus, um sie mit Doro anhand der Karte zu besprechen.

Schinderhannes Tour 1
- Simmern: Flucht aus Schinderhannesturm
- Schanzer Kopf/Thiergarten: Gaststätte nähe Forsthaus, Mord Seligmann mit Schwarzem Peter
- Spall: Überfall auf die Ziegelhütte
- Schinderhanneshöhle bei Pferdsfeld/Seesbach: Versteck von Diebesgut?
- Trifthütte: Räubertreffpunkt
- Koppenstein: Straßenraub bei Schwarzerden, Bauern ausgeraubt, Beute bei der Koppenstein aufgeteilt
- Hochstätten-Dhaun: Schweine und Pferdediebstähle in der Gegend von Schloss Dhaun

Schinderhannes Tour 2
- Ruine Baldenau: Mord am Plackenklos am Baldenauer Hof
- Bruchweiler/Scheurer Mühle: Hannes war da und hat sich und seine Gefährten mit Lebensmitteln versorgt
- Kempfeld/Wildenburg: vertrunkener Louis d’Or mit Hannfried, Kempfelder Markt - Fremden Händlern gestohlenen Waren verkauft
- Asbacher Hütte: Raubüberfall auf Eisenhütte
- Bundenbach: Schmidtburg – Unterschlupf für Hannes und Julchen
- Zurück über Rhaunen: Konferenz gegen Räubertum im Hunsrück

Rainer war auf dem Sofa eingeschlafen, als Doro abends nach der Arbeit nach Hause kam. Sie sah die Ausdrucke auf dem Schreibtisch und fuhr die Orte mit dem Finger auf der Karte nach. Rainer wurde wach und blinzelte sie an.

(…)

Sie betraten eine große Lichtung mit einer Wiese, die sie am linken Rand hinunter gingen. Der leichte Wind brachte die Blätter zum Rascheln und immer wieder fielen einige von den Bäumen hinunter. Es roch nach Pilzen und Waldboden. Der Weg führte sie an einer Reihe Fichten vorbei und dann links immer weiter dem Tal entgegen, aus dem eine frische Kühle heraufkroch. Sie sahen am Ende des Weges einen hohen Felsen, der mit seinem Grau aus dem Gelb-braun der Blätter hervorstach. Dann sahen sie das schwarze Loch unten am Felsen – die Höhle. Sie befand sich auf der anderen Seite eines Baches, der sich durch das wilde Tal schlängelte. Eine Brücke führte rechts über den Bach und davor stand, gegenüber der Höhle, ein Tisch mit zwei Bänken. Die feuchte Waldluft umfing sie, als sie am Bach ankamen. Die Höhle war vielleicht gerade einen Meter hoch und weniger als einen Meter breit. Man konnte sie nur über den Bach oder auf der anderen Seite über das feuchte Ufer erreichen.
„Bitteschön, das ist die Schinderhannes-Höhle“, präsentierte Doro den Anblick.
„Und da soll aner neigekrabbelt sein, um seine Beute zu verstecken?“, fragte Ferdi ungläubig.
„Tja, ich weiß ja nicht. Schlafen kann man da drin bestimmt nicht, ist doch total feucht und dreckig“,  ergänzte Rainer.
„Wenn die Polizei hinter einem her ist, warum nicht?“, entgegnete Doro, „da nimmt man das Versteck, das man kriegen kann.“
‚Wie recht du hast’ dachte Ferdi bei sich und nickte vielsagend.
„Brotzeit“, verkündete Rainer, während er den Rucksack auf den Tisch stellte und eine Thermoskanne mit Kaffee, Blechtassen, Saft, Bechern, und diverse Tupperdosen auspackte.
„Oh, da schaut’s her, was hast du denn da alles dabei?“, erkundigte sich Ferdi.
„Tja, alles Leckereien aus der Region“, ließ Rainer Ferdi wissen und zählte auf: „Da hätten wir einmal gutes Vollkornbrot vom heimischen Bäcker, dann Damwildsalami und Wildschweinschinken vom Hunsrück, des Weiteren Apfel-Birnen-Saft vom Rhein und einen guten Kaffee, zugegeben, der wächst leider nicht hier bei uns, aber lass dich überraschen, mein lieber Ferdi.“
Er verteilte Becher, Tassen und Brettchen auf dem Tisch und schenkte jedem ein. Dann nahm er ein scharfes Messer und schnitt die Wurst und den Schinken in Scheiben. Das Brot hatte Doro schon zu Hause geschnitten, die Butter schenkten sie sich hier draußen.
„Ah, des is leiwand, ihr habt’s ja eine Melange dabei“, freute sich Ferdi, nachdem er zunächst skeptisch den Kaffee probiert hatte.
„Ja, nicht ganz original, aber bei Feinkost Albrecht gibt es den bei den Cappuccinosorten.“
„Probiert mal den Saft“, forderte Doro die Männer auf, „den habe ich aus unserer Rheinwerkstatt aus Boppard. Ist ganz frisch, vor ein paar Wochen gepresst und abgefüllt. Einfach lecker die Mischung aus Apfel und Birne“, schwärmte sie.
„Echt g’schamckig“, pflichtete ihr Ferdi bei, „und wo habt’s die Wurscht her?“, wollte er wissen.
„Die ist vom Dirk und der Carmen vom Berghof, das liegt zwischen Raversbeuren und Enkirch. Das sind Bekannte von mir, die machen da Wildspezialitäten“, erklärte Doro.
Rainer kam nicht zum Sprechen, er hatte ständig den Mund voll und genoss den würzigen Geschmack des Wildschweinschinkens und der Damwildsalami auf dem dunklen Brot in Abwechslung mit dem Saft. Das süßliche Birnige gepaart mit dem säuerlichen Apfel passte hervorragend zu dem herzhaften Wild.
Nachdem sie ausgiebig gegessen hatten, packten sie wieder alles zusammen und machten sich auf den Rückweg zum Auto, sie hatten noch eine gute Strecke zurückzulegen.

(…)

Bedrängnisse
Es war ziemlich dunkel, als Doro um die Ecke der Straße zum Rhein abbog. Eine Straßenlaterne war anscheinend defekt und so blieb ihr bis zum Wagen nur die diffuse Beleuchtung der anderen Lampen. Sie zog die Schlüssel für ihren Mini aus der Jackentasche und ließ per Fernbedienung die Türen aufklacken. Die Blinker leuchteten kurz auf. Sie war schon fast am Auto, als sie von hinten ein Geräusch hörte und sich kurz umdrehte. In der Dunkelheit meinte sie Ferdi direkt hinter sich zu erkennen, dann nahm sie nur noch den beißenden Geruch von Chloroform unmittelbar auf ihrem Gesicht wahr. Dass sie gepackt und zu Boden gedrückt wurde, war nur wie eine ferne Erinnerung. Alles war weit, weit weg und schwarz und seltsam wie in Watte gepackt. Sie verlor das Bewusstsein.

(…)

„Und jetzt ab, rein da!“, befahl Mayerling und knipste eine Taschenlampe an, die er aus dem Rucksack gezogen hatte. Er stupste Rainer vor sich her.
Sie betraten den Stollen. Es war kalt, feucht und dunkel, nur der Lichtkegel der Lampe gab ihnen ein wenig Sicherheit. Sie mussten sich ducken, weil der Schacht recht niedrig war. Rainer hörte, wie irgendwo weiter vor ihm Wasser tropfte. Es roch muffig, nach Pilzen und Moder.
Rainer schätzte, dass sie etwa 15 bis 20 Meter tief gekommen waren, als der Schacht unvermittelt endete. Es war kein Erdrutsch, der ihnen den Weg versperrte, sondern der Stollen war offensichtlich einfach nicht weiter in den Felsen hineingetrieben worden. Wahrscheinlich gab es keine Ausbeute oder der Abbau lohnte sich nicht. Mayerling fluchte.
„Und was jetzt, großer Schatzsucher. Hat Indianer Jones vielleicht noch was auf Lager? Vielleicht noch eine Karte?“, spottete Rainer ironisch.
„Dir wird das Lachen noch vergehen“, presste Mayerling heraus.
Er holte aus seinem Rucksack einen  Klappspaten und drückte ihn Rainer in Hand.
„Graben!“, befahl er.
Rainer versuchte am Ende des Tunnels zu graben, aber die Felswand ließ sich nicht erweichen, er kam nicht voran.
„Das geht nicht, … hier kommen wir nicht weiter“, keuchte er.
„Dann am Boden, grab am Boden“, kommandierte Mayerling.
Aber auch hier hatte Rainer keinen Erfolg, so sehr er sich auch anstrengte.
Verzweifelt leuchtete Mayerling mit der Taschenlampe die Wände ab. Aber es gab keinen weiteren Gang, es gab kein Fortkommen und es gab vor allem - keinen Schatz.
Er drehte sich um und ging zum Eingang zurück. Rainer folgte ihm. Sie hatten schon über Hälfte des Weges zurückgelegt, da drehte sich Mayerling plötzlich um und schubste Rainer mit aller Macht zurück in die Dunkelheit. Rainer fiel rückwärts auf den nassen Schachtboden und sah wie Mayerling nach vorne lief und am Ausgang die Stützbalken wegriss. Mit einem lauten Schlag stürzten Geröll, Steine und Erde herunter.

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Lieb und Frieden

Labsal für die Seele,
eigenheim-verpackt, mit Schleife.

Alles seinen Gang gehen lassen,
endlich unendlich, müde vom Suchen und Kämpfen.

Kellertiere unter den Teppich,
hier wird nicht rumgekrabbelt!

Hier wird gelebt, hier ist Insel,
Eden, keine Asseln erlaubt!

In ewigem Frieden ruht man hier
- in sich.

Lieb und Frieden,
ach wenn es doch so wäre...


Diese Tage im Hunsrück

Diese Tage im Hunsrück,
nebelverhangen,
vom Morgen bis zum Abend
nur Dämmerung.

Ohne Uhr, keine Orientierung.
Wie ein kalter Hauch Gottes
wird alles eingetaucht
in dieses feuchte Grau
und die Zeit scheint still zu stehen,
die ganze Zeit.

Keine Veränderung,
kein Vor, kein Zurück,
nur Dämmerung.
Ohne Uhr, keine Orientierung.
Bis es ganz dunkel wird
und das Grau die Nacht
fast erhellt.


Rose mit Dornen 1

Komm und tanz mit mir,
du Rose mit Dornen,
so rot wie deine Blüte,
so heiß wie dieser Frühling.

Komm und tanz mit mir,
du Rose, noch einmal, vielleicht.
Abgeschnitten ist dein Stängel,
verloren sind schon einige Blütenblätter.

Komm und tanz mit mir,
du Rose, einzig wie du bist,
zu schön um ewig zu sein,
zu vergänglich, zu schnell.

Komm und tanz mit mir,
du Rose, du Königin.
Zu süß ist dein Duft noch immer,
und so schal dein Nachgeschmack.

Komm und tanz mit mir,
du Rose mit Dornen,
war ich es doch,
der dich gebrochen hat.
Als ich dich besaß,
warst du verloren.

Komm und tanz mit mir,
du Rose mit Dornen.
Die Erde ist deine Mutter,
so auch die meine.
Werde ich sie je wieder berauben?


Dichter 1

Immer der Versuch
eine bessere Welt zusammen zu schreiben.
Einen besseren Menschen zusammen zu reimen,
in dem Bewusstsein:
die bessere Welt, der bessere Mensch
fängt an beim besseren Selbst.

Wie ungleich schwerer ist es,
sich selbst besser zu schreiben
und sich einen Reim
auf sich selbst zu machen.

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Für alle Texte gilt das Urheberrecht!